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Spanien zu Gast auf der Frankfurter Buchmesse 2022 (Foto: sezerozger/stock.adobe.com)
Auszug aus: „Wegmarken der spanischen Literatur des 21. Jahrhunderts“

Fiktionales Plädoyer für Toleranz

ESV-Redaktion Philologie
13.07.2022
Woran denken Sie bei Spanien? An Stierkampf, Flamenco und Tapas? Diese Assoziationen entsprechen nur einem Teil des spanischen Gebiets der Iberischen Halbinsel. Neben der offiziellen Landessprache werden beispielsweise auch Galizisch, Katalanisch und Baskisch gesprochen. Auch die in Spanien lebenden Minderheiten sind Teil der spanischen Kultur und sollten nicht vergessen werden. Im Erich Schmidt Verlag erscheint ein Sammelband, dessen 22 Beiträge die spanische Literatur von der Jahrtausendwende bis in die heutige Gegenwart erstmals in deutscher Sprache beleuchten und der Vielfalt in Spanien gerecht werden.
Die Privatdozentin Dagmar Schmelzer und die Professoren Ralf Junkerjürgen, Jochen Mecke und Hubert Pöppel präsentieren gemeinsam mit Expertinnen und Experten der spanischen Literaturwissenschaft ausgewählte Werke der letzten rund zwanzig Jahre. Als „Wegmarken der spanischen Literatur des 21. Jahrhunderts“ untersucht werden unter anderem Romane von Carlos Ruiz Zafón, Milena Busquets, Christina Morales, Jaume Cabré, Rosa Ribas und Sabine Hofmann.

Lesen Sie im Folgenden einen Auszug aus dem Beitrag von Marina Ortrud M. Hertrampf zu Núria León de Santiagos El ángel de Mahler (2014), der zu mehr Toleranz aufruft. Der hier verwendete Begriff ‚Roma‘ gilt gemeinhin als Heteronym für sämtliche Stämme (z. B. Sinti, Roma, Calé, Manouche etc.) der ethnischen Volksgruppe. Zur Bezeichnung der nachweislich seit dem 15. Jahrhundert in Spanien lebenden Roma sind zudem die Termini ,gitano‘ und ,calé‘ (so die Selbstbezeichnung der spanischen Roma) üblich.

Gitano-Literatur: die etwas andere spanische Literatur

Traditionell ist die Literatur der gitanos oral. Der reiche Schatz an Märchen, Mythen und Legenden wird seit Jahrhunderten innerhalb der einzelnen Roma-Stämme von Generation zu Generation mündlich tradiert. Im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern führte jedoch in Spanien die rigide gitano-Politik der Vergangenheit dazu, dass heute etwa 95 % der spanischen Roma sesshaft leben und das caló, die spanische Varietät des Romanès (die indogermanische Sprache der Roma), kaum mehr muttersprachlich gesprochen wird. Die überwiegende Mehrheit der gitanos lebt folglich sprachlich vollständig assimiliert und ist kulturell wie sozial zumindest selektiv-partiell in der Mehrheitsgesellschaft akkulturiert. Literarischer Selbstausdruck von gitanos erfolgt daher ganz selbstverständlich auf Spanisch, wobei geschriebene Roma-Literatur in Spanien wie auch in anderen europäischen Ländern eine recht junge Literatur ist, die erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts einsetzt.
[…] Nicht zuletzt aufgrund von Francos Repressalien gegenüber allen Minderheiten blieb jedwede Literatur aus der Feder von Roma in der Folge so gut wie inexistent. […] Aber auch nach der Transición, dem Übergang des Landes zur Demokratie nach dem Tod des Diktators 1975, blieben literarische Produktionen von Roma so gut wie vollkommen unsichtbar: Spanischschreibende Roma, die als Mittler ganz bewusst kulturell-ethnische Grenzen zwischen umgebender Gesellschaft und eigener Gruppe überschreiten, stellen daher bis heute – ganz im Gegensatz zur mehrheitsgesellschaftlichen Bearbeitung des Motivs des gitano – weiterhin die Ausnahme dar.

[…]

Die überwiegende Mehrheit der von gitanos verfassten Werke verhandeln Themen mit Bezug auf die Minderheit, die Etikettierung als gitano-Literatur erscheint insofern legitim. Etwas anders gestaltet es sich jedoch im Falle von Werken, bei denen der Selbstbezug entweder gar nicht oder nur am Rande von Bedeutung ist. Die (freilich nicht nur in Spanien verbreitete) ‚Sonderbehandlung‘ von Autoren, die zwar Teil der Mehrheitsgesellschaft sind, in welcher konkreten Form auch immer aber zugleich einer Minderheitengruppe innerhalb dieser angehören, stellt ein höchst zweischneidiges Thema dar. Zum einen ist es gerade Autoren defavorisierter Minderheiten ein Anliegen, gehört zu werden. Hinsichtlich der anvisierten mehrheitsgesellschaftlichen Leserschaft kann der Reiz des Anderen – und damit ein solches Label – durchaus verkaufsfördernd wirken. Zum anderen hat die mitunter kommerziell motivierte Ausnutzung des Alteritätspotenzials aber auch einen bitteren Beigeschmack, provoziert sie doch eine auf Wohlwollen basierende Rezeptionshaltung, die letzten Endes nichts anderes ist als eine subtile Form von subalternisierendem Rassismus. Die Etikettierung literarischer Texte als gitano-Literatur verhindert also letztlich die Akzeptanz dieser Werke als ‚normale‘ literarische Artefakte der spanischen Kultur.

[…]

Nachgefragt bei PD Dr. Dagmar Schmelzer, Prof. Dr. Ralf Junkerjürgen, Prof. Dr. Jochen Mecke und Prof. Dr. Hubert Pöppel 24.06.2022
„Der Auftritt als Gastland auf der Frankfurter Buchmesse wird als große Chance angesehen“
Sie möchten sich gedanklich auf die anstehende Frankfurter Buchmesse vorbereiten und suchen nach Lektüretipps, die Ihnen das Gastland Spanien näherbringen? Im Erich Schmidt Verlag erscheint nun ein Sammelband, in dem 23 Autorinnen und Autoren die „Wegmarken der spanischen Literatur des 21. Jahrhunderts“ aufbereiten. Wir haben mit der Herausgeberin Dagmar Schmelzer für das Forschungszentrum Spanien und auch im Namen der Herausgeber Prof. Dr. Ralf Junkerjürgen, Prof. Dr. Jochen Mecke und Prof. Dr. Hubert Pöppel gesprochen. mehr …

Núria León de Santiago: eine (etwas andere) spanische Autorin schreibt über Gustav Mahler

Abgesehen von der Tatsache, dass Núria León de Santiago die Tochter der berühmten Flamenco-Legende La Chana ist, gibt die Autorin so gut wie gar nichts über ihr privates Leben preis. In der medialen Öffentlichkeit geht sie offen mit ihrer Roma-Herkunft um, und auch der Klappentext von El ángel de Mahler sowie das von dem Bestsellerautor Antonio Gala verfasste Vorwort weist sie explizit als gitana aus. Doch hebt sie immer wieder mit vehement vertretenem Nachdruck hervor, dass sie als spanische Autorin wahrgenommen werden will, die – zumindest vordergründig – gerade nicht über Identitätskonflikte oder soziokulturelle Probleme von Roma schreibt. In einem Interview betont sie hierzu:

Ich schreibe also, wie jeder andere Autor auch, über das, was mich begeistert: über Mahler, und ein weiteres Buch kommt demnächst heraus, Cenizas en la boca (Asche im Mund). Keines der beiden handelt von Gitanos. Weil ich sehe keinen Grund, über Gitanos zu schreiben. Denn ich bin Schriftstellerin und außerdem eben auch Gitana; und außer Gitana bin ich Schriftstellerin. Für mich ist beides so verschmolzen, dass es mir gleich ist, in welche Reihenfolge man das bringt.

El ángel de Mahler wurde in Presse und Literaturkritik durchweg positiv aufgenommen, allerdings zeigt sich eine deutliche Tendenz zur Betonung einer vermeintlichen Alterität. Auch wenn es ein Faktum ist – Núria León de Santiago ist die erste Roma-Autorin in Spanien, die einen Roman bei einem etablierten Verlag veröffentlichte –, insinuiert das mit anerkennendem Gestus vorgebrachte Insistieren hierauf doch zugleich auch, dass in dieser Tatsache das Hauptverdienst der Autorin liegt. Entsprechend gehen Interviews und Kritiken auch nur selten auf die stilistisch-ästhetischen oder narratologischen Besonderheiten des Romans ein. Die Analyse der medialen Auftritte rund um das Erscheinen des Romans verdeutlicht vielmehr eine latente Form der Ablehnung von León de Santiagos Weg der Einschreibung in die Mehrheitsliteratur: Wenn gefragt wird, warum sie gerade über eine Persönlichkeit wie Gustav Mahler geschrieben habe und nicht über Roma und den Flamenco, spiegelt sich hierin eine durchaus neokolonialistisch zu bezeichnende Haltung, die von einem deutlichen Superioritätsdenken geprägt ist, bei dem die Autorin – wenn auch unbeabsichtigt – unter der Hand in den Status einer kulturell Subalternen gedrängt wird. Man traut es einer gitana offenbar nicht zu, über ein so großes Thema zu schreiben – über die eigene Ethnie zu schreiben hingegen schon.
Núria León de Santiago wuchs in einer von Musik geprägten Familie auf und begeisterte sich schon früh für Mahlers Werk. Dieses sehr persönliche Interesse, verknüpft mit der bewegten und bewegenden Biografie des Musikers, veranlasste die Autorin, sich auch literarisch mit ihm auseinanderzusetzen. Dabei sind es vor allem zwei Aspekte, die für sie von Bedeutung sind. Zum einen ist es die rassistisch motivierte Diskriminierung, die Mahler in Form von antisemitischen Kampagnen widerfuhr und die zugleich eine Parallele zur Erfahrungswelt der Roma darstellt. Hierzu äußert sie:

Die Tatsache, dass Mahler Jude war, war ein äußerst wichtiger Bestandteil des Konzepts. Was damals passiert ist, hat bei mir einen schrecklichen Eindruck hinterlassen, und das hat irgendwie bewirkt, dass ich Mahler besonders in Schutz genommen habe, Mahler als literarische Figur.

Zum anderen ist es der Wunsch, insbesondere Alma Mahlers nicht sehr positive Beschreibung ihres Mannes als ego- wie exzentrische, zu emotionalen Ausfällen neigende und autoritär-machtbesessene Persönlichkeit einen differenzierteren und damit vielleicht ‚gerechteren‘ fiktionalen Alternativentwurf entgegenzusetzen. […]

El ángel de Mahler: polyphone Biofiktion und fiktionales Plädoyer für Toleranz

Der rund 800 Seiten starke Roman setzt wie jede Biofiktion auf Unbestimmtheitsstellen, die imaginativ gefüllt werden. Aufbau und Struktur des Romans weisen einen hohen Grad literarischer Verfasstheit auf, wobei der besondere Kunstgriff darin liegt, dass die Autorin vorgibt, ihre literarische Inszenierung auf die Dokumente einer gewissen Elisabeth Mahler zu stützen, die sie im Jahr 2000 mit dem Nachlass von Aurore Montoya, einer Freundin von La Chana, erhalten haben will. Die reale Existenz von Elisabeth Mahler ist allerdings ebenso wenig verbürgt wie der Authentizitätsgehalt der (angeblich) kurz vor ihrem Tod 1971 in Weimar angefertigten Aufzeichnungen. Denen zufolge lernte Gustav Mahler Elisabeth 1891 als neunjähriges Waisenmädchen kennen, machte sie zunächst zu seiner Ziehtochter, schließlich zu seiner Geliebten und blieb bis zu seinem Tode 1911 mit ihr in enger Verbindung.
„Pese a las dudas que puedan suscitar, los documentos que contiene este libro existen“ (12), beteuert die Autorin in ihrer Vorbemerkung zum Roman. Während sich León de Santiago also angeblich auf tatsächliche Schriftdokumente stützt, die sie aus dem Deutschen ins Spanische übersetzen ließ, über vier Jahre lang akribisch studierte und um weitere Recherchearbeiten rund um Mahlers Persönlichkeit ergänzte, bleibt ungeklärt, ob die vermeintlichen Zeitdokumente authentisch oder per se bereits das Ergebnis eines Fiktionalisierungsprozesses sind. Doch ist diese Frage, wenngleich sie in Interviews mit der Autorin beständig gestellt wurde, im Grunde irrelevant, handelt es sich doch um einen Roman und damit in jedem Fall um eine Fiktionalisierung, die ohnehin keinen Anspruch auf faktuale Überprüfbarkeit erhebt. Überdies sind es ja gerade die Leer- und Unbestimmtheitsstellen, die Ambiguitäten und Geheimnisse, die den Reiz der Literatur ausmachen, indem sie mehrere Wege auf der Suche nach der für das individuelle Ich gültigen Wahrheit eröffnen:

Aun así, son muchas las personas que me han preguntado si todo esto es cierto. La respuesta es sencilla: lo ignoro. Y tal vez sea bueno, porque la certeza suele malograr la belleza de los misterios al ser desvelados. […] Que el lector juzgue sobre la veracidad de lo que está por descubrir (12; 14).

Das Ausbrechen aus den festgefahrenen Bildern und Kategorien sowie die Anerkennung der ambivalenten Mehrdeutigkeit und Diversität menschlicher Existenz und zwischenmenschlicher Beziehungen ermöglichen schließlich auch den Weg zu mehr Toleranz und Akzeptanz des Anderen als Teil des Eigenen. Und genau hierum geht es León de Santiago in ihrem Roman, wenn sie Seiten des berühmten Musikers sichtbar zu machen versucht, die in der reichen biografischen wie musikologischen Literatur nicht offenkundig werden. Zugleich dient die literarische Inszenierung unbekannter Seiten der bekannten Persönlichkeit insofern als Vexierbild des eigenen Lebens der Autorin, als […].

Sie sind neugierig, wie es weitergeht? Der Titel erscheint im Juli 2022 und kann hier vorbestellt werden.

Die Herausgeberin und die Herausgeber
Dagmar Schmelzer, Privatdozentin für romanische Literatur- und Kulturwissenschaft (Universität Regensburg), Arbeitsschwerpunkte: Literatur, Film und Kultur Spaniens im 20. und 21. Jahrhundert.

Ralf Junkerjürgen, Professor für romanische Kulturwissenschaft (Universität Regensburg), Arbeitsschwerpunkte: Spanische Kultur seit dem 19. Jahrhundert; Literatur- und Filmgeschichte.

Jochen Mecke, Professor für romanische Literatur- und Kulturwissenschaft (Universität Regensburg), Arbeitsschwerpunkte: Spanische Literatur und Kultur der Neuzeit und der Gegenwart.

Hubert Pöppel, Geschäftsführer des Forschungszentrums Spanien (Universität Regensburg), Arbeitsschwerpunkte: Spanische Literatur und Kultur der Gegenwart.

Wegmarken der spanischen Literatur des 21. Jahrhunderts
Herausgegeben von: Dagmar Schmelzer, Ralf Junkerjürgen, Jochen Mecke, Hubert Pöppel

Das Interesse an Spanien als Ehrengast der Frankfurter Buchmesse 2022 ist groß. Diesem Umstand trägt der vorliegende Band mit einer Bestandsaufnahme der spanischen Literatur im noch jungen 21. Jahrhundert Rechnung. Die von renommierten Literatur- und Kulturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftlern vorgelegten Einzelinterpretationen stellen speziell für deutsche Leserinnen und Leser rund zwanzig markante narrative Werke aus zwei Jahrzehnten vor. In ihrer Zusammenschau bilden sie möglichst repräsentativ das Gesamtspektrum ab: vom Bestseller zum Geheimtipp, von Romanen schon bekannter zu solchen noch junger Autorinnen und Autoren, die zudem in den vier wichtigsten Sprachen Spaniens schreiben. Ergänzt werden diese Einzelwerkanalysen durch drei Beiträge, die einen Einblick in die Entwicklung der spanischen Lyrik, des Theaters sowie des Buchmarktes geben. Als erste Hinführung soll dieser Band neugierig machen auf eine eigene Lektüre der spanischen Literatur der Gegenwart.

Programmbereich: Romanistik