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Homeoffice und mobiles Arbeiten können bei vielen Beschäftigten die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben verbessern und die Produktivität steigern. (Foto: cherryandbees/stock.adobe.com)
Mobiles Arbeiten während und nach der Pandemie

Homeoffice: Worum es geht und wo wir stehen (Teil 2)

ESV-Redaktion Management und Wirtschaft
20.01.2021
Die öffentliche Diskussion um Homeoffice und mobiles Arbeiten gewinnt an Dynamik. In ersten Staaten innerhalb der EU gibt es bereits Verpflichtungen, während der Pandemie von zuhause aus zu arbeiten, sofern dies möglich ist.

Dazu zählen bereits seit Oktober 2020 Frankreich und Belgien. Schottland und Portugal zogen jetzt nach. In Deutschland wird aktuell intensiv über verbindliches Homeoffice in sinnvollen Fällen debattiert. Im ersten Teil dieses Beitrags ging es um aktuelle Gesetzesinitiativen und einen aktuellen Beschluss von Bund und Ländern. Der zweite Teil dreht sich um Meinungen, Einschätzungen und Studien zum Thema Homeoffice und mobiles Arbeiten.

Mehrheit wünscht keine Rückkehr zur Vollzeit-Präsenzpflicht

Die meisten Beschäftigten arbeiten nach eigener Aussage im Homeoffice länger und produktiver als im Büro, einige leiden aber auch unter Vereinsamung und Isolation. Das ist das Ergebnis einer im Juli 2020 veröffentlichten Studie des Exzellenzclusters „The Politics of Inequality“ an der Universität Konstanz in Zusammenarbeit mit dem Think-Tank „Das Progressive Zentrum“. Demnach wünschen sich 56 Prozent keine Rückkehr zur Vollzeit-Präsenzpflicht. Die Mehrheit der Befragten wolle am liebsten zwei bis drei Tage pro Woche von zuhause aus arbeiten, resümiert „Das Progressive Zentrum“. Die Befragung von 699 Personen war von März bis Mai 2020 durchgeführt worden.

„Gesundes Maß zwischen motivierender Arbeitsumgebung und Arbeitsbelastungen“

Für den Arbeitsschutz sieht das Autorenteam der Studie Nachholbedarf. „Betriebsräte sollten sich für klare Homeoffice-Regeln einsetzen“, so Studienleiter Florian Kunze. Mit den Erfahrungen aus der Corona-Pandemie müsse für die Beschäftigten „ein gesundes Maß zwischen einer motivierenden Arbeitsumgebung und Arbeitsbelastungen gefunden werden”. Das sei auch im Interesse der Betriebe. Florian Kunze: „Die Beschäftigten fühlen sich zwar produktiver und schätzen die gesteigerte Vereinbarkeit von Arbeits- und Privatleben. Diese positiven Effekte werden sich aber vermutlich langfristig nur dann halten können, wenn die Betriebe sozialen Austausch sicherstellen und eine mögliche Belastung ihrer Angestellten durch das mobile Arbeiten vermeiden.“

Befragung in Nordamerika und UK: Einmal pro Woche zurück ins Büro

Die US-Unternehmen Wework und Brightspot Strategy hatten im Juli 2020 Büroangestellte in den USA, Kanada, Mexiko und dem Vereinigten Königreich zur Arbeit im Büro und zuhause befragt. Einige Ergebnisse:

  • Die Möglichkeit, soziale Beziehungen aufrechtzuerhalten, ist um durchschnittlich 17 Prozent gesunken, seit sie von zu Hause aus arbeiten.
  • Die Möglichkeit zu ungeplanten Interaktionen ist um durchschnittlich 25 gesunken, seit sie von zu Hause aus arbeiten.
  • 90 Prozent der Befragten wollen mindestens für einen Tag pro Woche ins Büro zurückkehren.

RKI-Präsident: Brauchen mehr verantwortungsvolle Arbeitgeber

Das Robert-Koch-Institut (RKI) hat die Arbeitgeber dazu aufgefordert, Beschäftigten mehr Homeoffice zu ermöglichen. „Arbeiten Sie von zuhause, wann immer das möglich ist“, sagte RKI-Präsident Lothar Wieler auf einer Pressekonferenz am 14.1.2021. Neben vorbildlichen Arbeitgebern, die Homeoffice ermöglicht hätten, gebe es Betriebe, deren Mitarbeiter noch ins Büro fahren oder in denen sogar persönliche Treffen mit mehreren Teilnehmern abgehalten werden, obwohl Arbeit von zuhause dort grundsätzlich möglich wäre. „Jetzt schützt die Heimarbeit die Gesundheit von uns allen – dazu brauchen wir noch mehr verantwortungsvolle Arbeitgeber“, so Lothar Wieler.

„Gravierender Eingriff in die betriebliche Disposition“

Das Institut der deutschen Wirtschaft in Köln (IW Köln) hat einen Beitrag unter dem Titel „Homeoffice-Pflicht ist unangebracht“ in die Debatte eingebracht. Verpflichtendes Homeoffice wäre „ein gravierender Eingriff in die betriebliche Disposition“, kommentiert IW-Vertreter Oliver Stettes. Doch um eine Pflicht für tatsächlich alle geht es im Kern der öffentlichen Diskussion nicht. Vielmehr sollen Arbeitgeber dort, wo es möglich ist, die Option zum mobilen Arbeiten anbieten, lautet eine weitläufige Forderung. Der IW-Autor stellt auch fest, dass Homeoffice die Produktivität erhöhen kann, sofern es freiwillig geschieht.

Homeoffice nicht überall umsetzbar

„Ein Drittel der deutschen Unternehmen plant künftig permanentes Homeoffice für spezifische Funktionen“, hebt das Beratungsunternehmen Korn Ferry anhand einer weltweiten Befragung von Unternehmen im Oktober und November 2020 hervor. Das ist vergleichsweise wenig im Vergleich zu den 42 Prozent der Unternehmen weltweit, die für bestimmte Funktionen permanentes Arbeiten von zuhause ermöglichen will. Korn-Ferry-Berater Thomas Faltin führt diesen Unterschied zum einen auf das „deutsche Unikat ‚Mittelstand‘“ zurück, in dem „vielfach in sehr tradierten Strukturen mit einer entsprechend ausgeprägten Anwesenheitskultur“ gearbeitet werde. Zum anderen liege in Deutschland ein Schwerpunkt in der Industrie mit Produktionsanlagen, in der Homeoffice deutlich schwieriger umsetzbar sei als etwa in Dienstleistungsbetrieben.

Hybrid-Modell für bestimmte Branchen und Abteilungen

Weitere Ergebnisse der Korn-Ferry-Befragung: Im weltweiten Schnitt gaben die Unternehmen an, in der Produktion künftig zu 72 Prozent auf ein Modell der vollständigen Anwesenheit zu setzen. Im Engineering und in der Logistik bevorzugen 44 Prozent dieses Modell. In den Feldern Finanzen, IT, Personal und Recht sehen dagegen 66 Prozent für die Zukunft ein Hybrid-Modell, in denen die Arbeit zwischen Zuhause und Dienstsitz aufgeteilt werden kann. Im Marketing wollen dies 64 Prozent der Unternehmen umsetzen. Auch das Management darf bei 60 Prozent der Befragten künftig im Hybrid-Modus arbeiten. 22 Prozent wollen die Vertriebsmitarbeiter komplett ins Homeoffice schicken. Für das Marketing haben 19 Prozent so entschieden.

Verteilung der Kosten noch unklar

An den Kosten für das Homeoffice haben sich die meisten Unternehmen bisher nicht beteiligt, stellt Korn Ferry fest. Weltweit 82 Prozent hätten ihre Beschäftigten zwar mit technischen Endgeräten wie Notebooks und Tablets versorgt – in Deutschland sogar 94 Prozent. Doch 72 Prozent der Unternehmen kümmern sich nicht um die Internet-Anbindung, in Deutschland sind es sogar 82 Prozent. Keinen Zuschuss zu Telefonkosten geben weltweit 74 Prozent und in Deutschland 88 Prozent. Keine Beteiligung an den Stromkosten gewähren weltweit 90 Prozent und in Deutschland 94 Prozent. „Wer permanent Homeoffice-Strukturen anbieten möchte, der wird dafür in den kommenden Monaten noch klare Rahmenbedingungen schaffen müssen“, resümiert Korn-Ferry-Berater Thomas Faltin. Dazu gehöre auch, genau zu definieren, für welche Kosten der Arbeitgeber und welche der Arbeitnehmer aufkommt.

Positive und negative Effekte auf Arbeitsqualität ausgeglichen

Nach einer im November 2020 veröffentlichten Studie des Ifo-Instituts wollen 67 Prozent der Firmen in Deutschland langfristig mehr Homeoffice nutzen als zur Zeit vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie. 32 Prozent der Befragten erwarten keine Veränderung, während ein Prozent von weniger Heimarbeit ausgeht. Die 1.188 Teilnehmenden aus Geschäftsführungen, Management und Personalleitung sehen hinsichtlich der Zusammenarbeit mehrheitlich eine Verschlechterung durch Homeoffice. Dagegen scheinen sich die Effekte auf die Qualität der Arbeit auszugleichen, denn die Anteile von Verschlechterung mit 23 Prozent und Verbesserung mit 24 Prozent sind ausgewogen.

Probleme bei Vereinbarkeit von Beruf und Kinderbetreuung

Auffällig ist laut Ifo-Institut, dass Teilnehmer, die Probleme bei der Umsetzung von Homeoffice angegeben hatten, tendenziell auch eine stärkere Verschlechterung von Quantität und Qualität der Arbeit sehen als die Befragten, die keine Probleme bei der Umsetzung hatten. Einen noch pessimistischeren Blick auf die Quantität und Qualität der Arbeit im Homeoffice haben diejenigen, die Probleme bei Vereinbarkeit von Beruf und Kinderbetreuung sehen. Das Ifo-Institut verweist auf Studien und Umfragen, wonach

  • Personen mit Kindern ihre Arbeit während der Coronakrise als weniger effizient ansehen verglichen mit Personen ohne Betreuungsaufgaben,
  • 56 Prozent der Beschäftigten in Deutschland zumindest zeitweise von zuhause arbeiten können,
  • Regionen mit mehr Heimarbeitern niedrigere Infektionszahlen aufweisen und weniger Beschäftigte in Kurzarbeit sind.

Umsetzung neuer Arbeitsformen chancenorientiert gestalten

Mit mobilem Arbeiten unabhängig von pandemiebedingten Maßnahmen befasst sich das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (Fraunhofer IAO). Josephine Hofmann, Leiterin des Teams „Zusammenarbeit und Führung“, nennt mehrere Erfolgskriterien für die Umsetzung neuer Arbeitsformen, darunter diese Punkte:

  • Arbeitsform chancenorientiert gestalten, mit klarem Rahmen bei größtmöglicher Selbstbestimmung und Eigenverantwortung
  • Führungskräfte und Beschäftigte frühzeitig in die Ausgestaltung der Arbeitsform einbeziehen
  • notwendige Kompetenzen wie Medienkompetenz und Führungsarbeit über Distanz einüben lassen
  • digitale Arbeitskultur schaffen, die Präsenz nicht mit Leistung verwechselt und wertschätzend mit persönlichen Begegnungen umgeht

Das Fraunhofer IAO hatte mit der Deutschen Gesellschaft für Personalführung im Mai 2020 die Einflüsse des Homeoffices auf die Unternehmenspraxis untersucht. Ein Ergebnis der Befragung von rund 500 Unternehmen: 47 Prozent bestätigten, dass insbesondere Führungskräfte Vorbehalte abgebaut haben.

Fazit

Sofern Beschäftigte von zuhause aus arbeiten können und dies auch wünschen, sollten Unternehmen ihren Mitarbeitern stärker entgegenkommen. Der direkte Austausch mit Kolleginnen und Kollegen im Büro wird nach Überwindung der Corona-Pandemie wieder ein wichtiger Bestandteil im Arbeitsleben werden. Homeoffice und mobiles Arbeiten können bei vielen Beschäftigten die Vereinbarkeit von Beruf und Privatleben verbessern und die Produktivität steigern. Wo dies der Fall ist, sollte zumindest eine begrenzte Zahl von Homeoffice-Tagen möglich sein. Dieser Gewinn an Flexibilität schafft mehr Vertrauen zwischen Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Letztendlich profitieren alle: Beschäftigte bekommen mehr Flexibilität und Autonomie, Unternehmen können Kosten reduzieren, ihre Arbeitsformen verbessern und dadurch an Attraktivität gewinnen.

(ESV/fab)

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Programmbereich: Management und Wirtschaft