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Prof. Dr. Markus W. Exler: „Eine Lawine an Insolvenzen wird es geben.” (Foto: privat)

„Pandemie als Brandbeschleuniger für nicht funktionierende Geschäftsmodelle”

ESV-Redaktion/ConsultingBay
14.04.2020
Prof. Dr. Markus W. Exler, ESV-Autor und Partner der Quest Consulting AG, Rosenheim spricht in Teil 1 des zweiteiligen Interviews mit der ESV-Redaktion vor allem über die Auswirkungen des coronabedingten Lockdowns auf seine Arbeit und darüber, was die Beratungsbranche erwartet.
Herr Prof. Exler, wie hat sich Ihr Berufsalltag in den letzten Wochen verändert?

Markus W. Exler: Kurz gesagt: Auch für mich ein komplettes Arbeiten von zu Hause aus. Wir Restrukturierungsberater können ja von überall aus tätig sein, aber so ohne Außentermine und Fahrten zum Kunden war und ist das schon sehr ungewohnt. Die Gefahr einer „schleichenden Verwahrlosung“ schwingt da schon mit, wenn die seriöse Kleidung im Schrank bleibt und der Arbeitstag ausschließlich aus Video-Calls und Telefonieren besteht.

Welche Erfahrungen haben Sie konkret gemacht?

Markus W. Exler: Zunächst einmal war es schon interessant zu beobachten, dass jetzt plötzlich Homeoffice auch von den „ewig Gestrigen“ angeordnet wurde. Aber, auf der Seite der Beschäftigten, kenne ich auch Fälle von Homeoffice, die plötzlich ein „Office“ begründen mussten, ohne ein „Home“ zu haben, d.h. kein eigenes Arbeitszimmer, ein leistungsschwaches Internet oder auch mit quengelnden Kindern umgeben sind, die ihre Aufmerksamkeit einfordern.

„Echte Verhandlungen werden übers Netz geführt”

Insgesamt kann ich aus meinem Arbeitsalltag aber berichten, dass wir alle nicht nur gut zu tun haben, sondern die Kommunikation auch mit den Unternehmensvertretern sehr gut funktioniert und wir immer souveräner mit den technischen Tools umgehen können. So trauen wir uns auch zu (bzw. werden gezwungen) echte Verhandlungen über das Netz zu führen. Noch vor wenigen Wochen konnte sich beispielsweise niemand vorstellen, dass M&A-Verhandlungen auch über eine Kollaborationssoftware erfolgreich durchgeführt werden können. Wir mussten uns Ende März in einer finalen Transaktionsphase mit ausländischen Investoren, mit denen wir noch schwierige Themen zu verhandeln hatten, dieser Variante bedienen. Die Erfolgsfaktoren waren eine verkäuferseitig mitlaufende Korrespondenz über Mail und SMS, die Möglichkeit von Unterbrechungen, um sich abzustimmen sowie der Umstand, dass bei allen Teilnehmenden eine hohe Wertschätzung füreinander vorhanden war.

Auch sensible Themen wie das Verhandeln von Personalabbau in einem Insolvenzverfahren müssen plötzlich über das Netz abgebildet werden. Was aber definitiv ein Nachteil beim ausschließlichen Online-Agieren für uns Berater ist: dass die bei den Vorortterminen so nebenbei stattfindenden Gespräche wie zum Beispiel mit dem Verkaufs-, dem Betriebsleiter oder auch mit den Werkern in der Produktion jetzt komplett wegfallen. Demzufolge bekommen wir als Externe nicht mehr alles mit.

Was könnte die aktuelle Arbeitsweise für die Zukunft bedeuten?

Markus W. Exler: Geballt haben wir jetzt alle – und das ist das Besondere – unsere Erfahrungen mit einer veränderten Arbeitsweise gemacht bzw. machen müssen. Ohne den Lockdown hätte sich die Experimentierfreudigkeit in Grenzen gehalten. In den vielen Gesprächen über die letzten Wochen hinweg meine ich, herauszuhören, dass wir beim Anberaumen interner Besprechungen, Beiratssitzungen oder auch bei Abstimmungsthemen in Restrukturierungsprojekten das Arbeiten mit einer Kollaborationssoftware auch nach Corona fortsetzen werden. Neben unserer aktuell wahrnehmbaren gestiegenen Nutzungsbereitschaft wird es auch bei den zur Verfügung stehenden Tools in Kürze zu Quantensprüngen kommen, die eine noch bessere Übertragungssicherheit und eine komfortablere Nutzung gewährleisten.

Über den Autor
Prof. Dr. Markus W. Exler ist Partner der Quest Consulting AG in Rosenheim sowie wissenschaftlicher Beirat im BDU-Fachverband Sanierungs- und Insolvenzberatung. An der Hochschule in Kufstein verantwortet er das von ihm gegründete Institut für Grenzüberschreitende Restrukturierung

Auch das Thema Arbeiten von zu Hause aus wird überdacht werden. Beispielsweise haben wir an der Hochschule in Kufstein Mitte März das gesamte akademische und administrative Personal mit Notebooks und Internettelefonie ausgestattet und in das Homeoffice geschickt. Der gesamte Hochschulbetrieb wird bis zum Spätsommer von zu Hause aus über das Netz organisiert. Dass die Möglichkeiten für ein Produktionsunternehmen da eher limitiert sind, ist selbstredend.

Was wird auf die Beratungsbranche in den nächsten Monaten zukommen?

Markus W. Exler: Bereits vor der Corona-Krise wurde die deutsche Wirtschaft von den Megathemen Digitalisierung und Fachkräftemangel geprägt, gefolgt von globalen Erscheinungen wie Handelskonflikte und der Niedrigzinspolitik der Notenbanken. Eine aktuelle Studie von Deloitte hat sehr schön herausgearbeitet, dass aufgrund der ungewissen Absatz- und Zuliefersituation Kostensenkung und Schuldenabbau die wichtigsten Restrukturierungsmaßnahmen sein werden. Die in der Studie befragten Entscheidungsträger haben ihre langfristigen Investitionen zurückgestellt und erwarten keinen V-förmigen Konjunkturverlauf, also einen steilen Konjunkturanstieg nach einem scharfen Einbruch der Wirtschaftsleistung, sondern einen U-Verlauf. Nach dem aktuellen Konjunktureinbruch wird es eine Phase der Stagnation geben, bevor der Anstieg der Wirtschaftsleistung wieder erfolgt. Wenn die aktuelle Schockstarre mit Lockdown & Co erst einmal überwunden ist, werden wir Restrukturierer richtig zu tun bekommen. Dass es zu volkswirtschaftlichen Einkommensverlusten, verbunden mit einem zumindest vorübergehenden Absinken des Wohlstands bei uns einher geht, wird nicht zu vermeiden sein.

Sie sind Experte für Sanierungs- und Insolvenzberatung – was treibt Ihre Mandanten gerade um?

Markus W. Exler: Im Augenblick geht es ausschließlich um die Sicherung der Liquidität und der Lieferfähigkeit. Letzteres setzt natürlich alternative Bezugsquellen für die Beschaffung des Materials voraus. Die Arbeitsrechtler haben zu tun, um das Thema Kurzarbeit aufzugleisen. Das federt im Augenblick recht viel ab. Bei den Beschäftigten mag das manchmal schon schwierig werden, wenn der Lebensstandard auf Überstunden und Wochenendzuschläge fußt.

„Für die nächsten drei Monate durchfinanziert”

Bei der Gutachtenerstellung, die i.d.R. von den Gläubigern ausgeht, wird aktuell tendenziell auf die Finalisierung verzichtet. Es wird ausschließlich dafür gesorgt, dass die Unternehmen für die nächsten drei Monate durchfinanziert bleiben. Die ursprünglich aufgesetzte Planung vor Corona wird mit Sensitivitäten ergänzt, welche die Auswirkungen in einem Monat darstellen. Im Gesamten ist das natürlich immer auch der Blick in die Glaskugel, da wir alle nicht wissen wie sich der Verlauf der Pandemie und der individuelle Einfluss auf die Unternehmen entwickelt und welche Restriktionen von der Politik noch gesetzt werden.

Sie sprachen jetzt schon indirekt die Lockerung des Insolvenzrechts an. Welche Konsequenzen erwarten Sie?

Markus W. Exler: Ganz konkret, dass wir nicht zaubern müssen. Die Möglichkeit der Kurzarbeit wird einen Teil eines wirtschaftlichen Elends auffangen können. Die Möglichkeit, dass die fehlende Fortbestehensprognose bzw. die Insolvenzanmeldung wegen Überschuldung ausgesetzt ist, wird das Problem aber in die Zukunft verlagern. Der Aktionismus der Bundesregierung ist mit Sicherheit richtig, um den sozialen Frieden zu gewährleisten.

„Insolvenzen, für die wir Sanierer nicht immer Lösungen entwickeln werden können”

Am langen Ende sind aber die Kredite, die von Bund und Länder bereitgestellt werden, zurückzuzahlen. Eine Lawine an Insolvenzen wird es geben, für die wir als Sanierer möglicherweise nicht immer Lösungen entwickeln werden können. Da holt uns der schon vor Corana angekündigte strukturelle Wandel, insbesondere in den Branchen Automotive und Handel, wieder ein. Die Pandemie ist da nur der berühmte Brandbeschleuniger für nicht funktionierende Geschäftsmodelle. Hingegen funktionierte das Geschäftsmodell des Frisörs oder auch der Gastronomie wunderbar. Denen wird aber die Ausübung untersagt. Der Appell an die Verantwortlichen in Deutschland muss sein, die wirtschaftliche Schockstarre aufzuheben und über alternative Konzepte zur Eindämmung der Pandemie nachzudenken.

Lesen Sie den zweiten Teil des Interviews auf ConsultingBay 

Restrukturierungs- und Turnaround-Management

Herausgegeben von: Prof. (FH) DDr. Mario Situm, Prof. Dr. Markus W. Exler

Um Krisensituationen in Unternehmen frühzeitig zu erkennen und geeignete Reorganisationsmaßnahmen zur Erhaltung von Rendite- und Wettbewerbsfähigkeit einzuleiten, sind heute äußerst vielseitige strategische, operative und kommunikative Qualitäten erforderlich.

In der 2. Auflage ihres Praxisbuchs vermitteln Ihnen die Experten um Markus W. Exler und Mario Situm alle für Turnaround- und Transformationsprozesse typischen Perspektiven aus Geschäftsleitung und Interim Management, von Kreditinstituten und weiteren Stakeholdern.

    • Krisenerkennung und -analyse: Krisenindikatoren, Analysemethodik, Identifikation von Wertschöpfungspotenzialen
    • Initiation von Turnaround-Prozessen: Anforderungen an Leadership und Stakeholder-Kommunikation
    • Planung und Umsetzung: z.B. Generierung von „Quick-Wins“; analytische, kommunikative und organisatorische Funktionen
    • Strategische Restrukturierung: Change Management, M&A, Wertorientierte Managementkonzepte
    • Sanierungskonzepte nach IDW S 6 sowie insolvenzrechtliche Besonderheiten
      "ein ablauforientierter Überblick über alle relevanten (…) Besonderheiten, um Veränderungsprozesse im Unternehmen professionell umsetzen zu können."
      Zur Vorauflage in: Zeitschrift Controlling (ZC), 2/2014

(ESV, uw)

Programmbereich: Management und Wirtschaft