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Mit der literarischen Verarbeitung des Mauerfalls und der Wiedervereinigung beschäftigt sich Prof. Dr. Wehdeking 2020 nicht zum ersten Mal (Foto: privat).
Nachgefragt bei Prof. Dr. Wehdeking

Prof. Dr. Wehdeking über „frische Bilder für die kulturelle Erinnerung“

ESV-Redaktion Philologie
04.08.2020
Die Wiedervereinigung von DDR und BRD jährt sich 2020 zum dreißigsten Mal. Pünktlich zu diesem für die deutsche Geschichte bedeutsamen Jubiläum erscheint Prof. Dr. Volker Wehdekings Buch „Bildmomente der Erinnerung an 1989. Das Narrativ der Friedlichen Revolution in Post-DDR-Prosa, -Lyrik und -Film“ im Erich Schmidt Verlag. Darin betrachtet er mediale Verarbeitungen der Wende, von kritischen Stimmen in der DDR über Mauerfall und Wiedervereinigung bis hin zu den Auswirkungen in die gesellschaftliche Gegenwart hinein.
Lieber Herr Wehdeking, in Ihrem jüngsten Buch „Bildmomente der Erinnerung an 1989“ arbeiten Sie heraus, wie sich die Thematisierung der DDR-Vergangenheit und des Umbruchs 1989/90 in Literatur und Film verändert und welche Bilder dadurch in den Vordergrund treten. Verarbeitungen der Wende und der deutschen Einheit beschäftigen Sie jedoch schon länger als Forschungsthema. Was hat den Ausschlag gegeben, sich noch einmal intensiv mit dem Thema auseinanderzusetzen?
 
Wehdeking: Der Weimarer Historiker und Kultursoziologe Winfried Speitkamp führt zu Jubiläen die Funktion aus, der Entschleunigung in Zeit und Raum zu dienen und die eigene Identität durch Auswahl und Erbe in der Erinnerungskultur zu bestimmen. Es geht dabei auch immer um die Frage, was im anstehenden Jubiläum zu bewahren, und was zu vergessen ist. Ein solches 30-jähriges Gedenken der „sanften“ und „Friedlichen Revolution“ ist seit der ersten Dekade nach 1989, als damals noch ein clash zwischen den Erinnerungen an den Mauerfall in Ost und West zu spüren war, zu einem weitgehend konsensfähigen bundesdeutschen Erinnern geworden: Das Diktatur-Narrativ und das Identitäts-Narrativ sind in der dritten Erinnerungsdekade an den Mauerfall- und -tanz zu einem Integrations-Narrativ mutiert. Vergessen ist die „Kränkung“ ost- und westdeutscher Intellektueller über den Utopieverlust. Mit der Entwicklung zu einer zunehmend europäischen Sicht ist in der Bundesrepublik das Herausarbeiten der „Freude“ an einem solchen Erinnerungsjahr getreten, vor allem aber die Anerkennung der Montagsmärsche und der Kirchenbewegung im letzten Jahr vor dem Mauerfall als eine ostdeutsche Selbstbefreiung.

Ein „Denkmal der Freude“


Blickt man in diesem Zusammenhang auf den Versuch der letzten Jahre, in Berlin ein Denkmal zur Deutschen „Freiheit und Einheit“ nach dem Mauerfall zu finden, macht die nunmehr preisgekrönte Idee einer begehbaren und bespielbaren, riesigen goldenen Wippe (Milla & Partner mit Sasha Waltz) gegenüber dem rekonstruierten Berliner Stadtschloss den Wunsch sinnfällig, ein „Denkmal der Freude“ zu schaffen. Gruppen können durch Verlagerung diese Wippe zum Schaukeln bringen. So wird die erste Euphorie des Mauertanzes nach Verschwinden der Mauer in Zeit und Raum wiederaufgenommen, und die starken west-östlichen Differenzen der ersten Jahre sind in den Hintergrund getreten.

Damals habe ich im Erich Schmidt Verlag im Jahr 2000 das Buch zur ersten Dekade, „Mentalitätswandel in der deutschen Literatur zur Einheit (1990–2000)“ bewusst als Sammelband von sechzehn Spezialist*innen und namhaften Germanist*innen (wie Hartmut Steinecke, Lothar Bluhm und Walter Schmitz oder dem Dissidenten Lutz Rathenow) gestaltet. In meinem ersten Buch zum Thema im Jahr 1995, „Die deutsche Einheit und die Schriftsteller“ (Stuttgart, Kohlhammer) fehlten noch die großen ersten Romane von Brussig und Grass. Mir wurde wegen der ost-westlichen Spannungen und der Resonanz auf meine erste Studie klar, dass nur ein Sammelband eine einigermaßen objektive Studie zum noch soziopolitisch und kulturell umstrittenen Gedenken des ersten Jubiläums um 2000 im Rahmen einer Mentalitätswandel-Untersuchung Bestand haben würde. In Arne Borns neuer Literaturgeschichte zur ersten Dekade lässt er auch gerade meinen Band von 2000 gelten.

Kulturelles Erinnerung nach 2000


Die in den folgenden zwei Dekaden zu beobachtende, allmähliche Integration der Identitäten beim kulturellen Erinnern sind unter dem Vorzeichen des visual turn ein hoffentlich spannender Neuansatz im integrativen Befund des Mentalitätswandels. Wir erinnern heute zuallererst in Prosa, Lyrik und Film die ostdeutsche Leistung beim Umbruch, die den Mitteldeutschen so viel abverlangt hat. Und es gibt nach den wichtigen Romanen von Tellkamp (2008) und Ruge (2011) natürlich inzwischen auch gültige bundesdeutsche Prosa, wie jene Romane von Juli Zeh („Unterleuten“, 2016) und Thorsten Palzhoff („Nebentage“, 2019), neben den ostgeprägten Jubiläums-Romanen von Ingo Schulze und Lutz Seiler („Die rechtschaffenen Mörder“, „Stern 111“, beide 2020) auf der Spiegel-Bestsellerliste. Es lohnt der Blick auf die Entwicklung neuerdings betont individueller Helden und Heldinnen dieser Prosa im Rückblick auf die Jahre um den Mauerfall.

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Für Ihre Studie lesen und analysieren Sie deutsche Literatur aus drei Dekaden: die erste Dekade reicht von 1989 bis 1999, gefolgt von der Literatur um die Jahrtausendwende bis hin zur aktuellen deutschen Post-DDR-Prosa in der letzten Dekade. Sie behandeln also eine breite Auswahl an Texten. Hinsichtlich welcher Kriterien haben Sie die Primärtexte ausgewählt? Gibt es Werke, die Ihres Erachtens besondere Wendepunkte markieren?

Wehdeking: Zweifellos gehört Monika Maron seit „Stille Zeile sechs“ und „Animal triste“ (und bereits dem in der DDR unterdrückten Bitterfeld-Roman „Flugasche“, 1981) zu den wichtigen Titeln der ersten Dekade, wobei Maron mit „Endmoränen“ (2003) nochmals das nun spürbare Fehlen eines Anlasses zum Widerstand für Post-DDR-Autor*innen thematisiert. Auch Thomas Brussig und Ingo Schulze sind von zweifelsfreier Bedeutung für den Mentalitätswandel in den ersten zwei Dekaden, etwa mit Romanen wie „Helden wie wir“ (1995) gegenüber „Wie es leuchtet“ (2004), wobei letzterer einen Wandel vom nunmehr nicht mehr satirischem Entwurf zum realistischen Zeit- und Gesellschaftsroman anzeigt. Brussig lieferte auch den humorvollen ‚Ostalgie‘-Roman und Film „Sonnenallee“ (1999), zusammen mit Leander Haußmann. Bei Ingo Schulze ist der Dekadenunterschied spürbar von „Simple Stories“ (1998) unter Raymond Carvers Einfluss zu „Adam und Evelyn“ (2008) einem ironisch-realistischen DDR-Flucht-Roman über den Balaton, der im Titel bereits auf die biblische Paradies-Austreibung anspielt. Bei den Autobiografien sind Günter Kunert und Günter De Bruyn charakteristisch für den kritischen Aufarbeitungscharakter, im Vergleich zu jenen Hermann Kants und Rainer Schedlinskis, oder Fritz Rudolf Fries’ apologetischen Machwerken. Nur Volker Brauns „Wendehals“ kann als Theater-Satire Gültigkeit beanspruchen, ebenso wie die wiederverfilmte „Unvollendete Geschichte“ (1977, 1985, 1990).

Aus der Fülle der Post-DDR-Prosa sind dies Beispiele für den Mentalitätswandel der ersten zwei Dekaden. Für die dritte Dekade betonter Individualität des Rückblicks auf den Mauerfall stehen die erwähnten neuen Texte von Schulze und Seiler.

Originelle Sehweisen


In Ihrer Arbeit stellen Sie einen Wandel im Erzählen fest: Die Tendenz geht von historisch typisierten Figuren in der jüngeren Zeit hin zu individuellen und eher ungewöhnlichen Biografien, und dementsprechend verändert sich auch die damit verbundene Bildlichkeit. Sehen Sie dies als ein auf die Literatur beschränktes Phänomen an oder erkennen Sie Wechselwirkungen mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen?


Wehdeking: Im Ansatz des visual turn spiegelt die Bildlichkeit den Versuch der Schriftsteller*innen, den durch Endlos-Loop und Medien verursachten Abnützungscharakter der faktualen Medienbilder durch originelle Sehweisen eine ‚fiktionale Remediation‘ zu bieten, und damit eine Folge frischer Bilder für die kulturelle Erinnerung in Post-DDR-Prosa, -Lyrik und -Film; eine Entgegensetzung zu den TV-Klischees zum Mauertanz, so erinnernswert diese Euphorie und ihr Bild bleiben. Man könnte sagen, dass die Montagsmärsche und die Kirchenbewegung mit Kerzen und Gebeten sich in den euphorischen Mauertanz-Bildern zu einer kollektiven Refiguration des Freiheitsimpulses und der Selbstbefreiung fügen. Erich Loest gab mit seiner durch Frank Beyer 1995 wirkungsvoll verfilmten Familienerzählung „Nikolaikirche“ als erster die Initiation zur Wahrnehmung der Selbstbefreiung.

Die letzten beiden Werke, die Sie analysieren – Ingo Schulzes „Die rechtschaffenen Mörder“ sowie Lutz Seilers „Stern 111“ –, sind erst dieses Jahr erschienen, die ebenfalls behandelte Fernseh-Trilogie „Preis der Freiheit“ im Jahr zuvor. Juli Zehs Roman „Unterleuten“ hielt sich im Jahr 2016 ausdauernd auf vielen Bestsellerlisten und war ein kommerzieller Erfolg. Sie alle setzen sich mit dem Themenkomplex von DDR, Mauerfall und Wiedervereinigung auseinander. Die genannten Titel können als Indikatoren dafür gelten, dass die Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit, Wende und Wiedervereinigung nach wie vor nicht abbricht oder an Aktualität verliert. Haben Sie eine Vermutung, woher dieses andauernde Interesse rührt?

Wehdeking: Dieses Interesse wird ausgelöst durch den anhaltenden Versuch zur Identitätsfindung, nun zur Intergrationsidentität nach einem historisch für das gesamte Europa bedeutsamen Einschnitt und Umbruch. Im Gedicht von Durs Grünbein (2009), welches ich im Vorwort meines Buches zitiere, zeichnet sich dieser Wunsch ab, anhand des Jubiläums dreier Dekaden die Identitäts- und Diktatur-Narrative zusammenzuführen und die Ereignisse im Innehalten und Rückblick anhand griffiger neuer Bilder zu entschleunigen.

Wem gehört die Geschichte?


Zuletzt würden wir Ihnen gerne noch eine persönliche Frage stellen: Sie selbst sind in der BRD zur Zeit der deutschen Teilung geboren und aufgewachsen. Wie haben Sie selbst damals Mauerfall und Wiedervereinigung erlebt und wahrgenommen? Haben Sie feststellen können, dass durch Ihre wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Thema auch der Umgang mit Ihren eigenen Erinnerungen und „Bildmomenten“ einen Wandel durchlaufen?


Wehdeking: Ja, unbedingt. Julia Franck (Autorin bspw. von „Die Mittagsfrau“) hat 2010 bei der Frage, wem die Geschichte gehöre, festgestellt, beim kulturellen Erinnern dürfe nicht nur der Zeitzeuge, und in diesem Fall die Mitteldeutschen, über ihre Umbruchserfahrungen authentisch schreiben, sondern zum Beispiel auch Cees Noteboom: Der zeitweise in Berlin lebende Niederländer schrieb über die Euphorie der erlebten Mauertänzer aus der Sicht seines Fotografen-Helden in „Allerseelen“ (1999).

In meiner Familie war die deutsche Einheit durch die Mutter aus Parchim, Mecklenburg, die dann in Berlin große Buchhandlungen besaß und managte (u.a. am Nollendorfplatz), den Vater als Bremer Kaufmann und die eigene Identität zwischen der Geburt in Garmisch-Partenkirchen (weil mein Vater Höhenluft brauchte), USA-Studium und -Professur und den Erfahrungen in der Stuttgarter Professur an der „Hochschule der Medien“ in einem Hightech-Umfeld mit Hochkultur (Kunst, Ballett, Oper) und Literaturhaus geprägt. Natürlich hat der neugierige, immer frische Blick der Studierenden aus vielen Ländern und auch ost- und westdeutscher Prägung geholfen, den Blick für den Mentalitätswandel und die neuen Bilder zur kulturellen Erinnerung bei mir wach und offen zu halten.

Lieber Herr Wehdeking, vielen Dank für das spannende Interview.

Wenn auch Sie den Wandel der „Bildmomente“ in den auf die Wiedervereinigung folgenden drei Dekaden nachvollziehen wollen, empfehlen wir Ihnen zur Lektüre „Bildmomente der Erinnerung an 1989“ von Prof. Dr. Volker Wehdeking.

Zum Autor
Dr. Volker Wehdeking ist emeritierter Professor für Literaturwissenschaft und Medien an der Hochschule der Medien Stuttgart. Seine Veröffentlichungen und Forschungsschwerpunkte liegen in der deutschen und US-Literatur seit 1945, vor allem zur Gruppe 47, zum Mauerfall und Umbruch danach, zur Mentalitätsgeschichte sowie zu Intermedialität und Film.

Bildmomente der Erinnerung an 1989
von Prof. Dr. Volker Wehdeking


Der Rückblick auf die Friedliche Revolution in Post-DDR-Prosa, -Lyrik und -Film erlaubt drei Dekaden nach dem Mauerfall ein erstes Resümee über das Narrativ dieser Epochenzäsur. Die Studie verbindet den visual turn unserer bildintensiven Gegenwart mit dem kulturellen Gedächtnis in Texten über den Umbruch 1989/90.

‚Magische‘ Bildmomente werden sowohl in der Lyrik als auch in der Erzählprosa und im Film herausgearbeitet, beispielsweise anhand von Volker Brauns und Kerstin Hensels Lyrik, von Uwe Tellkamps „Der Turm“ (2008), Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ (2011) sowie in Petzolds Film „Barbara“ (2012).

Daraus ergibt sich zum einen die Beobachtung, dass Elemente des Diktatur- und Identitätsnarrativs allmählich zu einer Synthese kommen. Zum anderen zeigt sich, dass jene Bilder, die zu verblassen drohen, aus ungewöhnlicher Perspektive wiederbelebt werden. An die Stelle von historisch ‚typischen‘ Protagonisten treten vermehrt originelle Individuen in ungewöhnlichen Familienkonstellationen. Ost- und West-Sicht nähern sich in der letzten Dekade zunehmend an, während die Leistung der Mitteldeutschen bei der Selbstbefreiung und der anschließenden Neuorientierung im Alltag deutlicher hervortritt.  


(LS/MD)

Programmbereich: Germanistik und Komparatistik