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Erlebte und erinnerte Räume, physische und psychische, private und öffentliche, drinnen und draußen – bei großer Vielfalt sind die Grenzen oft fließend (Foto: Mikhail Lebedev – Pixabay).
Nachgefragt bei: Julia Moldovan

Raum und Macht, Subjekt, Gesellschaft: Umbrüche vom 19. zum 20. Jahrhundert

ESV-Redaktion Philologie
29.10.2020
Das Buch von Julia Moldovan „Der Raum als poetologische Kategorie im italienischen Roman von Verga bis Pasolini“ greift Foucaults These auf, dass sich an der Schwelle vom 19. zum 20. Jahrhundert ein grundlegender Wandel vollzogen hat. Ihm zufolge wird das durch die Dimension der Zeit beherrschte Denken abgelöst durch das Raumdenken.
Orientierte sich die Vorstellung des Raums im Naturalismus noch vornehmlich an Wahrscheinlichkeit und Realität, so kommt es ab der Jahrhundertwende zunehmend „zu einer tendenziellen Verschiebung in Richtung abstrakter, individualisierter und imaginierter Räume, was zur Folge hat, dass der Raum selbst aufbricht und die Mittel und die Art seiner Darstellung modifiziert und erweitert werden“ (Moldovan). Diese Veränderung der Darstellung und ihrer Mittel untersucht Julia Moldovan anhand von acht italienischen Romanen des ausgehenden 19. bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hinein.
Im Interview gibt unsere Autorin spannende Einblicke, wie Raum in den analysierten Texten konstruiert wird und welche Funktionen ihm zukommen.

Liebe Frau Moldovan, Sie haben über das Thema des Raums im Verismus, Postverismus und Neorealismus promoviert – die Früchte Ihrer Arbeit publizieren Sie nun in „Der Raum als poetologische Kategorie…“. Wie sind Sie auf Ihr Thema gestoßen? War zuerst das Interesse an literarischen Raumdarstellungen vorhanden oder jenes an der italienischen Literatur des 19./20. Jahrhunderts?

Als Literaturwissenschaftlerin war da zuerst das Interesse an der Literatur selbst. Bei der Recherche und näheren Auseinandersetzung mit verschiedenen literarischen Texten und Theorien sowie aktuellen Tendenzen aus den Bereichen der Kultur- und Literaturwissenschaft und der Philosophie kam die Begeisterung für das Thema des Raums hinzu. So entstand die Idee, beide Aspekte zu verbinden und der Frage nachzugehen, welche Funktion der Raum in literarischen Texten und in poetologischen Schriften einnimmt.

Auszug aus: Der Raum als poetologische Kategorie 15.10.2020
„Destabilisierungen, die den Raum, die Welt und das Selbstverständnis des Menschen betreffen“
Mit dem Buch „Der Raum als poetologische Kategorie im italienischen Roman von Verga bis Pasolini“ lädt Dr. Julia Moldovan ihre Leserinnen und Leser ein, mit ihr zusammen den Raum in literarischen Texten zu erforschen. Moldovan analysiert, wie sich der Raum jeweils konstruiert und welche Funktionen ihm bei der inhaltlichen, semantischen, ästhetischen, narrativen und diskursiven Sinnstiftung zukommen. mehr …


Der Raum als relationale Größe

Das Raumverständnis ändert sich um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert grundlegend, da die Vorstellung eines starren, unbeweglichen Raums zugunsten eines offenen, flexiblen und relationalen Raums verlassen wird. Dies führte mich zu der Frage, ob und wie Literatur auf die neuen Konzeptionen reagiert. Deshalb liegt der Fokus auf Texten, die um die Jahrhundertwende und darüber hinaus entstanden sind. Da es mir besonders wichtig war, den Raum als relationale Größe in seiner Beziehung zu anderen Kategorien zu untersuchen, wurden u.a. die Ebenen von Inhalt, Figuren, Sprache, Stil, Symbolik und Metaphorik berücksichtigt. Aber auch das Verhältnis des Raums zu Kategorien wie Macht, Subjekt, Gesellschaft oder Institutionen wie die Kirche wurden ausgelotet. Auf diese Weise konnten ganz verschiedene Facetten entdeckt werden: erlebte, erinnerte, gefühlte und imaginierte Räume, Landschaften und Städte, physische und psychische, private und öffentliche, heilige und profane Räume, literarische, sprachliche, akustische, symbolische und metapoetische Räume oder schließlich Räume der Herrschaft und Unterdrückung.

Wenn dem Raum eine neue Vielfalt zukommt – sie schreiben von Destabilisierung, Heterogenität, Neustrukturierung und zunehmender Abstraktion und Individualität –, nimmt die Variation der Darstellung von Zeit zugleich ab? Oder anders gefragt: Bedeutet die von Foucault postulierte Hinwendung zum Raum eine Abwendung von der Dimension der Zeit, die auch in den Texten spürbar wird?

Das würde ich so nicht sagen. Laut Foucault war das 19. Jahrhundert auf die Geschichte und damit auf zeitliche Aspekte konzentriert, während im 20. Jahrhundert der Raum in den Blick gerät. Foucault bedient sich der Metapher des Netzes (réseau), um auszudrücken, dass unsere Zeit durch Überlagerungen, Relationen, Verstrebungen und Gleichzeitigkeit charakterisiert ist und nicht wie früher als ein ,Nacheinander‘ funktioniert.

Brüche in Zeit und Raum

Die Textanalysen können diesen Eindruck bestätigen. Denn die Untersuchungen haben ergeben, dass Tendenzen wie Heterogenisierung, Komplexität, Ambivalenz und Abstraktion, die sich auf räumlicher Ebene manifestieren, auch in anderen Bereichen auftreten. In Bezug auf die Zeit konnten Brüche wie Anachronien, Analepsen, Prolepsen und Ellipsen herausgearbeitet werden, durch die die zeitliche Kontinuität aufgehoben wird und komplexe Zeitstrukturen entstehen. Veränderte Zeitwahrnehmungen manifestieren sich des Weiteren in einer Entschleunigung, die durch Träume, Psychosen und halluzinative Zustände hervorgerufen wird, oder in einer beschleunigten und komprimierten Zeit, die durch Fortbewegungsmittel entsteht.

Ein Beispiel für die Überblendung von Raum und Zeit ist Vergas I Malavoglia (1881). Darin entsprechen die zirkulären Räume und Bewegungen wie der Platz und das ziellose Flanieren der zyklischen Zeitstruktur, die der Roman als das Bild einer überholten archaischen Welt entwirft.  
Ein anderes Beispiel ist Vittorinis Roman Conversazione in Sicilia (1941). Nicht nur führt die Reise des Protagonisten nach Sizilien zu einer veränderten Zeitwahrnehmung und zur Überblendung von (erzählerischer) Vergangenheit und Gegenwart. Darüber hinaus werden chiffrierte Räume der Macht, Herrschaft und Unterdrückung entworfen, die als eine versteckte Kritik am Faschismus verstanden werden können. Vittorini übt insofern anhand des Raums Kritik an seiner Zeit.

Die Verschmelzung von Zeit und Raum in der Metapher des Zuges

Welche Möglichkeiten nehmen die von Ihnen untersuchten Texte zum Beispiel wahr, um literarische Räume zu gestalten?
Sind in dieser Zeit neue Mittel der Darstellung entstanden, die zuvor nicht (oder nicht in diesem Ausmaß) verwendet wurden?

Die Raumgestaltungsmittel in den untersuchten Texten sind vielseitig. Räume werden auf ,realistische‘ Weise durch Landschafts- und Stadtbeschreibungen konstituiert, erscheinen als Imagination in den Köpfen der Figuren oder aber werden durch den Erzähler evoziert, wobei direkte Beschreibungen ausbleiben. Sie entstehen durch stilistische Mittel wie die Ekphrasis, der Beschreibung eines Bildes im Text, und werden durch Farb- und Richtungssymboliken wie oben und unten, links und rechts symbolisch aufgeladen. Zentrale Mittel der Raumgestaltung sind räumliche Metaphern und Motive, die Inhalte auf eine übertragene Ebene transportieren. Als bedeutsam hat sich die Metapher des Zuges erwiesen. In ihr drücken sich wahlweise Ausbruch, Bewegung, Neuanfang, Identitätskrise, Gewalt, Orientierungslosigkeit oder die Verschmelzung von Raum und Zeit aus.

Ein wichtiges Ergebnis der Analysen war, dass die Texte zunehmend metapoetische und selbstreferentielle Räume schaffen. Die Reflexion über Literatur, verschiedene Schreibweisen und Verfahren der Textgestaltung wird zu einem zentralen Thema. Neu ist auch, dass binäre Raumstrukturen (Stadt vs. Land, Innen vs. Außen usw.), in denen sich ein dualistisches Denken niederschlägt, aufgebrochen werden. Es kommt es zu einer Fokussierung auf ambivalente und heterogene Räume, die zwischen Traum und Realität, Absenz und Präsenz, Ernst und Komik changieren. Während in den veristischen Texten noch das Raumstrukturmittel der Grenze nach Lotman überwiegt, durch die binäre Räume entstehen, verdichten sich in den postveristischen und neorealistischen Romanen Räume, die als Gefängnis, Bibliothek, Friedhof, Hospiz, Theater und Kasino Heterotopien im Sinne Foucaults darstellen.

Ihrer These zufolge bringen die Veränderungen der literarischen Räume es auch mit sich, dass diese Räume einen zunehmenden Grad an Selbstreflexion oder eine metapoetische Ebene aufweisen. Können Sie uns dafür ein Beispiel aus Ihrem Korpus nennen?

In diesem Kontext sind die Romane von Pirandello hervorzuheben, die sich durch einen hohen Grad an Metapoetik, Autoreflexivität und Selbstreferentialität auszeichnen. Durch ambivalente Raummetaphern, die Vermischung von Erzählebenen, fingierte Dialoge zwischen Leser und Erzähler, intertextuelle Verweise und durch Gedichtpassagen oder typographische Mittel wie Fußnoten, die in die Romane integriert werden, entwerfen sie hochkomplexe metapoetische Räume. Als exemplarisch kann die Bibliothek in Il fu Mattia Pascal (1904) gelten. Hier werden die Ebenen von Figur und Erzähler sowie Rahmenhandlung und Binnenerzählung überblendet. Der Erzähler gibt Aufschluss über sein problematisches Verhältnis zur Literatur, kommentiert und ironisiert sein eigenes Erzählen und entschuldigt sich schließlich dafür, das Werk, das der Leser gerade liest, überhaupt verfasst zu haben. Diese Mittel dienen dazu, mit der literarischen Fiktion zu brechen und auf spielerische Weise aufzuzeigen, wie Literatur funktioniert und welche Verfahren sie zur Anwendung bringt.

Ein weiteres Beispiel ist die Landschaftsbeschreibung in Quaderni di Serafino Gubbio operatore (1925), in der Pirandello petrarkistisches Vokabular mit ,typisch‘ romantischen, naturalistischen und futuristischen Motiven mischt. Indem er Versatzstücke verschiedener literarischer Traditionen und Strömungen aufgreift und neu kombiniert, bricht er mit dem jeweils anzitierten Erwartungshorizont und löst sich von der Tradition. Pirandellos Romane sind ironisch, selbstreferentiell und spielerisch; sie stellen Gattungsgrenzen infrage und plädieren für eine Literatur abseits von literarischen Kategorisierungen und einem ,Schubladendenken‘.

Marginalisierung des Anderen

In Ihrer Einleitung schreiben Sie, dass für die Auswahl Ihrer untersuchten Texte neben einer starken Präsenz des Raumes u. a. auch ausschlaggebend war, dass darin Figuren behandelt werden, die von der Gesellschaft ausgeschlossen sind. Würden Sie diese Randstellung des Subjekts als charakteristisch für die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert sehen?

Nimmt man die Romane als Referenzpunkte, so kann man diese Annahme bestätigen. Es werden marginalisierte Figuren behandelt, die einem sozialen und räumlichen Ausschluss zugleich unterliegen. Die Texte zeigen eindrücklich, dass identitätsstiftende Konzepte wie Familie, Ehe, Tradition, Haus und Heimat wegbrechen. Bei den Figuren handelt es sich um Individuen, deren familiäre und zwischenmenschliche Beziehungen problematisch, zerbrochen oder gar inexistent sind. Sie haben ihre Heimat verloren. Sei es, dass sie ihr Haus verkaufen müssen, obdachlos sind, auf Parkbänken übernachten, in Hotels und Pensionen unterkommen oder sich auf Reisen begeben.

Auch Foucaults Konzept der Heterotopie kann eine Antwort auf die Frage geben. Der französische Philosoph stellt fest, dass Abweichungsheterotopien in unserer Gesellschaft zunehmen. Jene definiert er als Räume, in die Menschen abgeschoben werden, die von der Norm abweichen. Als Beispiele nennt er Gefängnis, Altersheim, psychiatrische Anstalten und Sanatorien. Die exkludierten Menschen tauchten in den institutionalisierten politischen und sozialen Diskursen nur am Rand auf oder würden ganz ausgeblendet.

Vor diesem Hintergrund ist es bezeichnend, dass in den Romanen immer mehr Abweichungsheterotopien und heterotopische Räume überhaupt auftreten. Sie sind ein Zeichen dafür, dass unsere Gesellschaft über keine adäquaten Mittel verfügt, um Menschen, die als ,anders‘, ,fremd‘, ,anormal‘ und ,abseitig‘ empfunden werden, zu integrieren. Stattdessen werden sie an Orte und in Räume abgeschoben, die außerhalb der Gesellschaft und der normativen Diskurse stehen.

Lektüreempfehlungen aus Rom

Und zuletzt noch eine persönliche Frage:  Da wir ja alle gerade coronabedingt viel Zeit zu Hause – auf begrenztem Raum – verbringen und Lesen dabei eine wunderbare Beschäftigung ist: Haben Sie ein paar Lektüreempfehlungen für uns? Vielleicht haben Sie von Ihrem Forschungsaufenthalt in Rom ein paar aktuelle italienische Romane mitgebracht?

Ich mag es sehr, auf Reisen Bücher zu lesen, die an den jeweiligen Ort, die Kultur und die Sprache gebunden sind, weil ich dann den Eindruck habe, noch mehr darin einzutauchen. Bei meinem Forschungsaufenthalt in Rom hat mich deshalb neben der Bibliothekslektüre Francesca Melandris Sangue giusto (2007) begleitet. Die römische Autorin entwirft darin eine Politik- und Gesellschaftskritik zur Zeit Berlusconis und prangert u.a. die menschenverachtende Flüchtlingspolitik an. Als zeitgenössisches Werk kann ich außerdem Hanno tutti ragione (2010) von dem Regisseur und Schriftsteller Paolo Sorrentino empfehlen. Ein lesenswerter Roman aus den 60er Jahren, der durch seinen Stil besticht, ist Ferito a morte von Raffaele La Capria. Ebenfalls älter, aber wie ich finde, aufgrund seiner Thematik hochaktuell, ist Gli indifferenti von Alberto Moravia.

Vielen Dank für das Interview, Frau Moldovan!


Zur Autorin
Julia Moldovan studierte Italienische Philologie, Romanistik und Neuere deutsche Literatur in Freiburg, München, Bologna und Cluj-Napoca/Rumänien. Ihr Magisterstudium schloss sie 2011 mit einer Arbeit zu Pirandellos Romanen ab. 2014–2019 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Romanistische Literatur- und Kulturwissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf, wo sie 2019 promoviert wurde. Aktuell arbeitet sie als Postdoc im DFG-Projekt „Lazarus – Literarische Latenzen“ (italienisches Teilprojekt) unter der Leitung von Prof. Dr. Ursula Hennigfeld.

Der Raum als poetologische Kategorie im italienischen Roman von Verga bis Pasolini
von Julia Moldovan

Foucault stellt die These auf, dass sich im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert eine Wende vom Zeit- zum Raumdenken vollzieht. Davon ausgehend wird in dieser Arbeit untersucht, welche ästhetische Funktion dem Raum im italienischen Roman des späten 19. und des 20. Jahrhunderts zukommt. Hierbei wird der Frage nachgegangen, wie sich Raum im literarischen Text konstituiert und in welcher Relation er zu Inhalt, Figuren und Erzählebenen steht.

Die Analyse ausgewählter Werke von Verga, Capuana, Pirandello, Vittorini, Calvino und Pasolini illustriert, dass durch Raumkonstellationen zentrale Themen wie Macht, Repression, Gesellschaft oder geschichtliche Umbrüche (Risorgimento, Zweiter Weltkrieg) verhandelt werden. Lotmans Konzept der Grenze und Foucaults Heterotopien helfen, heterogene und ambivalente Räume in den Romanen zu analysieren. Eine besondere Rolle spielen metapoetische Räume, die durch Intertextualität, Autoreflexivität, Selbstreferentialität und mehrdeutige Raummetaphern entstehen.

(ESV/MD)

Programmbereich: Romanistik