Sie haben folgende Möglichkeiten:
  1. zum Login.
  2. zur Navigation.
  3. zum Inhalt der Seite.

add_shopping_cart 0
Für die französische Kulturwissenschaft gibt es viel relevante Lektüre. Silke Segler-Meßner untersucht in ihrer Einführung die wichtigsten Texte (Foto: Pixabay - Nino Carè)
Auszug aus: Einführung in die französische Kulturwissenschaft

Texte von Bricolage bis Zola und vom Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert

ESV-Redaktion Philologie
25.09.2020
Kultur – darunter lassen sich „Lebensformen und Verhaltensweisen ebenso [fassen] wie kanonische und populäre Artefakte“ (Segler-Meßner). In diesem weiten Feld strebt die Kulturwissenschaft an, zentrale Setzungen und Codes zu identifizieren und befragt sie auf ihre Bedeutung hin. Für die französische Kulturwissenschaft haben sich dabei vielfältige Texte als bedeutsame Bausteine erwiesen, um den kulturgeschichtlichen Wandel vom Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert nachzuvollziehen.
Silke Segler-Meßner bietet mit ihrer „Einführung in die französische Kulturwissenschaften“ einen Überblick über die entsprechenden Grundlagentexte der französischen Kulturwissenschaft, die sich nicht nur für Frankoromanisten als interessant erweisen. Der Einfluss der vorgestellten Texte etwa von Dichter/-innen und Denker/-innen wie Jacques Derrida, Hélène Cixous, Émile Zola oder Aimé Césaire reichen weit über den französischsprachigen Sprachraum hinaus.

Zugleich bietet die Textauswahl einen Überblick über den kulturgeschichtlichen Wandel, der sich vom Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert vollzieht. Hierbei dienen die Themenfelder Geschlecht, Mobilität und Gemeinschaft als Rahmen des kulturgeschichtlichen Wandels, wobei sich der Band auch mit der Wahrnehmung von Migration und Alterität in französischsprachigen Texten auseinandersetzt. Ein vorangestelltes Kapitel zu Kulturwissenschaften erläutert methodische Vorgehensweisen und stellt grundlegende Überlegungen zum Anspruch von Kulturwissenschaft an.

Im Folgenden gibt ein Auszug aus dem Kapitel „Geschlechter“ einen Eindruck von der „Einführung in die französische Kulturwissenschaft“:

Auch wenn Simone de Beauvoir nicht die erste französische Schriftstellerin ist, die sich den gesellschaftlichen und kulturellen Ausschlussmechanismen des weiblichen Geschlechts zuwendet, präsentiert sie ihr Werk als Paradigmenwechsel in der Geschlechtergeschichte. […] In dem Maße, in dem sie den Konstruktcharakter der Geschlechterrollen akzentuiert, ebnet sie den späteren Gender Studies den Weg, die zwischen dem biologischen (sex) und dem sozialen (gender) Geschlecht unterscheiden. […]

Die kontroverse Rezeption von Beauvoirs Le Deuxième Sexe verdeutlicht exemplarisch den grundlegenden Widerstand des französischen Literaturbetriebs gegenüber dem historischen Phänomen des Feminismus und gegenüber der Figur der weiblichen Intellektuellen, die sich in das männlich dominierte literarische Feld einzuschreiben sucht (vgl. Reid 2010). Simone de Beauvoir selbst betrachtet sich als eine der ersten Autorinnen, der das Privileg zuteil wird, als „Frau“ und als „Schriftsteller“ – Beauvoir verwendet im folgenden Zitat bewusst die männliche Form – in ihrem Umfeld gewürdigt zu werden. In einem ihrer autobiographischen Bände vergegenwärtigt sie rückblickend ihre Situation in den 1940er Jahren.

„Loin de souffrir de ma féminité, j’ai plutôt cumulé, à partir de 20 ans, les avantages des deux sexes; après L’invitée mon entourage me traita à la fois comme un écrivain et comme une femme. Je fus encouragée à écrire Le Deuxième sexe précisément par cette situation privilégiée.” (Beauvoir 1986b, 427)

„Weit davon entfernt an meiner Weiblichkeit zu leiden, habe ich seit meinem 20. Lebensjahr die Vorteile beider Geschlechter sammeln können. Nach der Veröffentlichung von Sie kam und blieb behandelte mich meine Umgebung gleichermaßen als Schriftsteller und als Frau. Durch diese privilegierte Situation wurde ich ermuntert, Das andere Geschlecht zu schreiben.”

Ancien Régime 14.08.2018
Willkür, Despotismus, Ungerechtigkeit, königliche und adelige Verschwendungssucht
Vor der Revolution Ende des 18. Jahrhunderts lebte die Aristokratie in Frankreich in Saus und Braus, während es der Mehrheit der Bevölkerung am Nötigesten fehlte. „Dann sollen sie eben Kuchen essen!“ war die Antwort des „alten Staates“ auf den Hunger des Dritten Standes, der sich nach Missernten kein Brot mehr leisten konnte. mehr …

Martine Reid verdeutlicht zu Recht, dass der „blinde Fleck“ in Beauvoirs Selbstverständnis die unreflektierte Übernahme einer genuin männlichen Vorstellung von Literatur ist, die sich als universell setzt (vgl. Reid 2013, 28). Seit den Anfängen französischsprachiger Literatur müssen Frauen ihre intellektuellen Kapazitäten wider die von Männern behaupteten Restriktionen ihres Geschlechts unter Beweis stellen. Dass Amantine Aurore Lucile Dupin (1804–1876) noch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter dem männlichen Pseudonym George Sand ihre Texte veröffentlicht, belegt das Fortwirken einer geschlechtsspezifisch kodierten Kulturordnung, in der die Bereiche des öffentlichen Lebens männlich kodiert sind, während die Frauen im verborgenen Innenraum des Häuslichen tätig zu sein haben. Auch der Literaturbetrieb des 20. Jahrhunderts ist von einer Gleichbehandlung der Autoren und Autorinnen weit entfernt. In ihrem zu Beginn des 21. Jahrhunderts publizierten Sammelband Nouvelles écrivaines: nouvelles voix? liefern Nathalia Morello und Catherine Rodgers eine ernüchternde Bestandsaufnahme der französischen Gegenwartsliteratur: Trotz einer postulierten Feminisierung der Literaturproduktion stammen zwei Drittel der Texte immer noch von Autoren, tauchen nur wenige Autorinnen in den Listen der renommierten Literaturpreise auf und rezipieren die Mehrzahl der kritischen Beiträge die Texte der männlichen Verfasser (vgl. Morello/Rodgers 2002).

1975 widmet die Literaturzeitschrift L’Arc „Simone de Beauvoir et la lutte des femmes“ („Simone de Beauvoir und der Kampf der Frauen“) eine Sondernummer. Auf dem Cover ist die 67-jährige Existentialistin umrahmt von zwei jüngeren Frauen zu sehen. Diese Aufnahme suggeriert ein generationenübergreifendes Engagement für die gesellschaftliche Befreiung der Frau aus dem bürgerlichen Rollenmodell. Der von Beauvoir abgeschlossen gewähnte Geschlechterkampf erfährt durch den Mai 1968 eine Radikalisierung, die zahlreiche Gesetzesänderungen zur Folge hat: Bereits 1967 erhalten die Frauen das Recht auf Empfängnisverhütung, 1975 wird das Recht auf Abtreibung legalisiert.

In der Ausgabe von L’Arc zu Simone de Beauvoir erscheint der Beitrag einer französischsprachigen Schriftstellerin und Poststrukturalistin, der insbesondere in der anglophonen Welt für Furore sorgt: Le Rire de la Méduse (1975, Das Lachen der Medusa) von Hélène Cixous reiht sich in die Serie feministischer Gründungstexte ein, die in Fortführung von Virginia Woolfs A room of one’s own (1929, Ein Zimmer für sich allein) weibliche Kreativität in den Mittelpunkt rückt (vgl. Osinski 1998). Frédéric Regard, der das Vorwort zur späten Neuauflage von Le Rire de la Méduse (2010, zuvor war der Essay Cixous’ nur in der Erstveröffentlichung in L’Arc zugänglich) verfasst, betont wie Martine Reid und Hélène Cixous selbst in ihren Anmerkungen zur Wiederauflage, dass es sich bei Le Rire de la Méduse um ein Manifest handelt, d. h. um eine öffentliche Stellungnahme, die ein ebenso politisches, theoretisches wie ästhetisches Programm präsentiert. Trotz der unverkennbar poetischen Struktur des Texts, der durch Alliterationen, Wiederholungen, Neologismen und Metaphern ein dichtes Netz an Klang-, Bild- und Bedeutungseffekten schafft, bezieht er sich auf einen konkreten politischen Kontext und attackiert die ungebrochene männliche Dominanz in den kulturellen Institutionen, wie z. B. Universität, Verlag, Kritik, Literaturbetrieb.

Wenn Sie mehr über Hélène Cixous sowie Claudine Galea erfahren oder generell tiefer in die Kulturwissenschaften eintauchen möchten, empfehlen wir Silke Segler-Meßners „Einführung in die französische Kulturwissenschaft“, die voraussichtlich im Oktober 2020 im ESV erscheint.

Zur Autorin
Dr. Silke Segler-Meßner ist seit 2010 Professorin für französische und italienische Literaturwissenschaft an der Universität Hamburg. Ihre Publikationen mit den Schwerpunkten Gender und Erinnerungskulturen weisen sie als Expertin kulturwissenschaftlicher Forschung in der Romanistik aus. Die Entwicklung forschungs- und anwendungsorientierter Lehrformate ist für sie von zentraler Bedeutung.

Einführung in die französische Kulturwissenschaft
von Silke Segler-Meßner

Diese Einführung liefert das methodische Instrumentarium für eine kulturwissenschaftliche Textanalyse. Außerdem umreißt sie anhand ausgewählter Beispiele den kulturgeschichtlichen Wandel der Geschlechterbeziehungen, des nationalen Selbstverständnisses und der Wahrnehmung von Migration und Alterität in französischsprachigen Texten vom Mittelalter bis ins 21. Jahrhundert.

Die Textauswahl von Michel de Montaigne über Victor Segalen und Aimé Césaire bis zu Maryam Madjidi und Claudine Galéa deckt eine Vielfalt ab, die weit über den literarischen Kanon hinausweist.
Eine klare Sprache, viele Erklärungen von Fachbegriffen sowie die Anknüpfung an Themen, die auch in aktuellen politischen und kulturellen Debatten verhandelt werden, erhöhen die Lesbarkeit für ein nicht spezialisiertes Publikum.


(MD)

Programmbereich: Romanistik