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Zeitarbeit in der Logistik stark belastet (Foto: R. Croes/Unsplash)

Zeitarbeiter sind gesundheitlich mehr belastet

ESV-Redaktion Arbeitsschutz/TK
23.06.2020
Zeitarbeiter haben fast 40 Prozent mehr Fehltage als regulär Beschäftigte. Grund für die hohe Anzahl von Fehltagen sind vor allem die körperlich belastenden Jobs in Lager, Logistik und Transport, in denen Zeitarbeiter überdurchschnittlich häufig beschäftigt sind. Neben Muskel-Skelett-Erkrankungen sind zeitarbeiter auch psychisch überdurchschnittlich belastet.
Zeitarbeiter haben aufgrund ihrer Tätigkeiten deutlich mehr gesundheitliche Probleme als Nichtzeitarbeitnehmer. So waren Zeitarbeitnehmer 2019 im Schnitt 20,6 Tage krankgeschrieben. Das sind mit knapp sechs Tagen rund 40 Prozent mehr als in der Vergleichsgruppe der Nichtzeitarbeitnehmer (14,7 Tage). Grund für die hohe Anzahl von Fehltagen sind vor allem die körperlich belastenden Jobs in Lager, Logistik und Transport, in denen Zeitarbeiter überdurchschnittlich häufig beschäftigt sind. Rund 40 Prozent der Zeitarbeitnehmer in Deutschland arbeiten in diesen oder anderen Produktionsberufen. Doch selbst wenn man die berufsspezifischen Faktoren berücksichtigt, haben Zeitarbeitnehmer immer noch rund 16 Prozent höhere Fehlzeiten als Nichtzeitarbeitnehmer. 

Hohe körperliche Belastung 

Die physische Belastung zeigt sich vor allem in der hohen Zahl von Fehltagen aufgrund von Muskel-Skelett-Erkrankungen. Wegen Rückenschmerzen & Co. fehlten Zeitarbeiter 2019 insgesamt durchschnittlich 4,38 Tage - und somit rund 70 Prozent mehr als anderweitig Beschäftigte (2,57 Tage). Die Zahl der Fehltage aufgrund von Arbeits- und Wegeunfällen (1,30) sind sogar fast doppelt so hoch wie die von Nichtzeitarbeitnehmern (0,67). Berücksichtigt man auch hier die berufsspezifischen Faktoren, liegt die Zahl der Fehltage immer noch um 31 Prozent höher. Das sind Ergebnisse des Gesundheitsreports 2020 der Techniker Krankenkasse (TK) „Zeitarbeit: Chance oder Risiko? Arbeitssituation und Gesundheit von Zeitarbeitern", der heute in Berlin vorgestellt wurde. 

Corona-Pandemie hat auch Auswirkungen auf die Zeitarbeit 

Bereits vor elf Jahren hat sich die TK im Gesundheitsreport 2009 mit der Zeitarbeitsbranche beschäftigt. Schon damals zeigte sich, dass Zeitarbeitnehmer wesentlich höher belastet sind als Nichtzeitarbeitnehmer. Seitdem gab es eine Reihe gesetzlicher Änderungen, um die Gleichstellung mit regulär Beschäftigten zu fördern. 

Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK: "Zeitarbeit hat sich in den letzten Jahren auf dem deutschen Arbeitsmarkt als Beschäftigungsform fest etabliert. Mit dem Update wollten wir jetzt herausfinden: Haben die verbesserten Rahmenbedingungen Einfluss auf die Arbeitszufriedenheit und Gesundheit von Zeitarbeitern? Und wie steht es um die Gesundheit im direkten Vergleich zu Nichtzeitarbeitnehmern?" so Baas. "Vor dem Hintergrund der aktuellen angespannten wirtschaftlichen Lage aufgrund der Corona-Pandemie erhalten die Ergebnisse eine zusätzliche Dringlichkeit. Denn Zeitarbeiter sind naturgemäß die Ersten, die ein Unternehmen bei wirtschaftlichen Engpässen verlassen müssen. Das kann sich auch negativ auf das psychosoziale Befinden auswirken und vorhandene Probleme verstärken." 

Auch die Psyche leidet

Auch die Psyche leidet Neben den körperlichen Beschwerden sind Zeitarbeiter auch psychisch überdurchschnittlich belastet. Laut Report waren Zeitarbeitnehmer aufgrund psychischer Diagnosen mit 3,52 Fehltagen fast einen Tag mehr krankgeschrieben als der Durchschnitt der übrigen Beschäftigten (2,57). Dr. Thomas Grobe vom aQua-Institut für angewandte Qualitätsförderung und Forschung im Gesundheitswesen: "Bereits seit Jahren beobachten wir branchenübergreifend den Trend einer Zunahme von Fehlzeiten aufgrund psychischer Diagnosen. Das zeigt auch das überdurchschnittlich hohe Verordnungsvolumen von Antidepressiva. Zeitarbeitnehmer erhielten letztes Jahr mit 21,3 Tagesdosen rund 23 Prozent mehr Psychopharmaka pro Kopf als anderweitig Beschäftigte (17,3 Tagesdosen)." 

Rund 44 Prozent unzufrieden mit ihrer Arbeitssituation 

Um ein umfassendes Bild von der aktuellen Arbeitssituation von Zeitarbeitern zu gewinnen, wurde der Report - neben der Auswertung von Routinedaten zu Fehlzeiten und Arzneimittelverordnungen - um eine wissenschaftliche Befragung mit mehr als 1.400 TK-versicherten Zeitarbeitnehmern erweitert. Die Aussagen der Teilnehmer zur Arbeitszufriedenheit und Gesundheit zeigen: Insgesamt betrachtet geht es den Zeitarbeitern heute besser als vor elf Jahren. Die strukturellen Änderungen scheinen zu wirken. Aber: Es gibt noch erhebliches Verbesserungspotenzial. Immer noch ganze 43,7 Prozent der Zeitarbeitnehmer gaben an, dass sie nach wie vor "kaum" oder "überhaupt nicht" mit ihrer Arbeitssituation zufrieden sind. 

Belastungsfaktoren: Arbeitshaltung, Lärm, Schichtarbeit, Pendeln 

Auch unterstreichen die Befragungsergebnisse die hohe physische sowie psychische Belastung von Zeitarbeitnehmern. So bewertete mehr als jeder vierte Zeitarbeitnehmer (25,9%) sein gegenwärtiges psychisches Wohlbefinden als „weniger gut" oder „schlecht" - in der Befragung von 2008 gab dies "nur" jeder Fünfte (20,7%) an. "Die Gründe für die körperlichen und psychischen Belastungen bei den befragten Zeitarbeitnehmern sind sehr vielfältig", erklärt Hannah Tendyck, vom wissenschaftlichen Institut für Betriebliche Gesundheitsberatung (IFBG), das im Auftrag der TK im Herbst 2019 die Befragung durchgeführt hat. "Zu den Hauptbelastungsfaktoren am Arbeitsplatz zählen vor allem eine schlechte Arbeitshaltung, Lärm, Schichtarbeit, lange Bildschirmarbeitszeit sowie lange Anfahrtswege. Aber auch 'weiche' Faktoren, wie geringe Einfluss- und Entscheidungsspielräume in Bezug auf ihre Arbeitsplatzsituation sowie der Mangel an Entwicklungsmöglichkeiten werden von den Zeitarbeitern als belastend wahrgenommen", so Tendyck. 

Unfälle vermeiden, Weiterbildung stärken 

Vor diesem Hintergrund betont TK-Vorstand Dr. Jens Baas die Bedeutung nachhaltiger Gegenmaßnahmen: "Gerade angesichts des angespannten Arbeitsmarkts aufgrund der Corona-Pandemie sind alle Beteiligten gefragt, gemeinsam Lösungsstrategien zu entwickeln, um die Arbeitskraft und Gesundheit von Zeitarbeitern langfristig zu stärken." Speziell zur Vermeidung von Haltungsschäden und Arbeitsunfällen empfiehlt sich beispielsweise die sogenannte aufsuchende betriebliche Gesundheitsförderung (BGF). Dabei werden Mitarbeiter gezielt an ihrem Arbeitsplatz in rückenschonenden Hebe- und Tragetechniken geschult. Durch die Integration der Maßnahme in den laufenden Betrieb werden Arbeits- und Produktionsprozesse kaum gestört. Nachholbedarf bestehe auch noch im Bereich der gezielten Entwicklungs- und Weiterbildungsangebote. Verleihbetriebe könnten beispielsweise in fachspezifische Weiterbildungen wie IT-Schulungen, Sprachkurse oder Projektmanagement investieren. Wo dies möglich ist, sei es zudem wünschenswert, dass Betriebe ihre Zeitarbeitnehmer stärker in individuelle Personalentwicklungsstrategien und Weiterbildungen mit einbeziehen. Dr. Jens Baas: "Das fördert nicht nur die Zufriedenheit der Mitarbeiter, sondern ist auch eine sinnvolle Investition in die Zukunft." 

Quelle: Techniker Krankenkasse

Programmbereich: Arbeitsschutz